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Leben zwischen Sehnsucht und Sucht – Gedenkgottesdienst für verstorbene Drogengebrauchende im Zeichen des Andenkens und des Handlungsbedarfs

Gedenkgottesdienst 2025

Am vergangenen Sonntag, 27. Juli, fand in Braunschweig ein besonderer Gedenkgottesdienst statt, der den Menschen gewidmet war, die 2024 durch Drogenkonsum verstorben sind. Dieser Tag ist mehr als nur eine Erinnerung – er ist ein Akt des Innehaltens, des Verstehens und des Zusammenhaltens. Er bietet Raum für Trauer, für das Erinnern an die Verlorenen und für den Austausch zwischen Angehörigen, Freunden und Unterstützenden.

Die traditionelle Gedenkveranstaltung, die vom Selbsthilfe-Netzwerk JES-Braunschweiger Land, der Braunschweiger AIDS Hilfe und der Drogenberatungsstelle DROBS organisiert wurde, fand in diesem Jahr witterungsbedingt nicht im Freien, sondern im Café Relax der Drobs statt. Rund vierzig Angehörige, Freunde, Klient*innen und die Organisatoren mit dem Team der Drobs gedachten den sieben Menschen, die im vergangenen Jahr in Braunschweig an den Folgen des Drogenkonsums starben.

Gedenk-, Protest-, Aktions-, und Erinnerungstag

Unter dem diesjährigen Motto "Überdosierung und Drogentod können alle Menschen (be-)treffen" wurde ein Zeichen gesetzt. Der Gedenkgottesdienst zeigte die fragile Seite des Lebens auf – die Seite, die zwischen Sehnsucht und Sucht schwankt, die Seite, die uns alle betrifft. Denn Drogenkonsum und drogenbedingte Todesfälle finden mitten in unserer Gesellschaft statt.

„Dort, in der Mitte, nicht an den Rändern, sollten wir dieses Thema wahrnehmen und diskutieren, aufklären und begreifen. Danach fragen, wie wir es verhindern können, dass uns Menschen auf diese Art und Weise verloren gehen. Uns fragen, was Du und Ich aktiv dagegen tun können“, betonte Pastor Henning Böger.

Somit ist der Tag auf politischer Ebene auch ein Aufruf zum Handeln. Die Forderung von JES-Streetworker Thomas lautet: Flächendeckende Naloxon-Vergabe, Aufhebung der Verschreibungspflicht für Notfallmedikamente, damit Angehörige im Ernstfall schnell helfen können. Es braucht mehr Schutzräume, mehr Aufklärung und vor allem das Bewusstsein, dass Drogenabhängigkeit eine gesellschaftliche Herausforderung ist, die uns alle betrifft.

Niemand ist allein mit seinem Schmerz, niemand soll vergessen werden. Das Symbol des Tages sind Schmetterlinge – zarte Wesen, die an die Verstorbenen erinnern und Hoffnung auf Veränderung symbolisieren. Den Vormittag gestaltete Gitarrist und Sänger Jörg Hecker mit und berührte die Teilnehmenden sehr mit seinen emotionalen, ergreifenden Songs.

„Informieren, vernetzen, gedenken, erinnern“, waren dann auch die vier Leitbegriffe, die Pastor Böger von der Magni-Gemeinde für den Gottesdienst wählte. Der Schmerz, den der Verlust eines geliebten Menschen hinterlässt, ist tief. Manche Tränen fließen still, manche Traurigkeit ist kaum in Worte zu fassen. Doch trotz aller Trauer bleibt die Erinnerung lebendig. Rahmen mit den Namen der Verstorbenen wurden aufgestellt. „Die Namen erinnern daran, was uns verloren gegangen ist. Es sind Namen, die mehr sind als Zahlen einer Statistik, Menschen mit Gesichtern und Geschichten, Menschen mit geraden und vielen krummen Lebenswegen“, beschrieb der Pastor ergreifend. Wir erinnern Menschen, die wir verloren haben und deren Tod immer auch andere betrifft. Freunde, Angehörige, Lebenspartner*innen, Geschwister, Klient*innen. Menschen, deren Leben aus dem sozialen Netz herausgefallen ist.

Ein berührendes Beispiel ist eine Mutter, die im vergangenen Jahr ihren Sohn verlor. Sie beschreibt ihre Verzweiflung, das Gefühl der Hilflosigkeit mit dem Zeilen aus dem Lied „Fix you“ von Coldplay:

„Wenn du dein Bestes gibst, aber nicht erfolgreich bist,
wenn du bekommst, was du willst, aber nicht, was du brauchst
wenn du so müde bist, aber nicht schlafen kannst
wenn dir Tränen über das Gesicht laufen und du jemanden verloren hast, den du nicht ersetzen kannst
Könnte es schlimmer sein
Aber Lichter werden leuchten und ich werde versuchen, dich zu halten…

…So saß ich manchmal abends auf dem Sofa, wenn ich keine Nachricht von meinem Sohn bekam“, beschrieb sie und drückte mit ihren Worten gleichermaßen Liebe wie auch Schmerz aus.

Pascal, ein weiterer Teilnehmer der Veranstaltung, dessen Bruder im vergangenen Jahr an den Folgen des Drogenkonsums gestorben ist, erzählte von der unendlichen Wunde, die der Verlust hinterlässt und von allem, was verloren gegangen ist: Jugend, Zukunft, Gemeinschaft.

Worte, Gedanken, Abschiedszeilen. Diese konnten die Teilnehmenden im Anschluss in das Buch der Erinnerung schreiben, das bei der Aidshilfe aufbewahrt und jährlich ausgelegt wird.